Mal wieder ein von mir gelesener Artikel, der mich doch etwas nachdenken lies:
Für interessante Trends sind die USA immer gut. Da wären etwa die Kuschelparties, bei denen einsame Grossstädter lang entbehrte Berührungen und Küsse mit wildfremden Menschen austauschen. Mittlerweile wird auch in Zürich, Wien und Berlin gekuschelt, was das Zeug hält. Ein gutes Beispiel ist auch Botox. Ohne den Mut eitler US-Damen hätte das eigentlich tödliche Lebensmittelgift nie seinen Siegeszug als Faltenglätter rund um die Welt angetreten.
Und schon wieder gibt es was Neues: „New Monogamy“ genannt. Immer mehr Paare gönnen sich – zumindest in Grossstädten – sexuelle Auswärtsspiele mit klaren Regeln, vermeldet das „New York Magazine“. Da wird dem Partner erlaubt, hemmungslos zu flirten, eine begehrens-werte Person auch mal zu küssen oder gleich mit dem attraktiven Sitznachbarn aus dem Flugzeug kurz ins Hotelzimmer zu verschwinden. Und je nach Vereinbarung sprechen die Paare darüber oder schweigen über intime Details. Auf jeden Fall sind sie so nicht an den manchmal beklemmenden Treueschwur gebunden, der Ehen und ernsthafte Beziehungen ausmacht. Denn es klappt ja doch nicht mit der lebenslangen Monogamie, die man sich zu Beginn voller Glauben an die ewige Leidenschaft verspricht.
Die Lust schläft ein
Eine aktuelle Befragung von 530 Paaren durch Wissenschaftler der deutschen Universität Hamburg-Eppendorf belegt die traurige Annahme, dass Sex und Passion in langen Beziehungen oft einschlafen: Wünschten zu Beginn einer Beziehung noch 60% der Frauen häufig Geschlechtsverkehr, waren es nach 4 Jahren bereits weniger als 50% und nach 20 Jahren Ehe hatten nicht einmal mehr 20% der Damen Lust auf ihren Partner im Bett. Das trifft vor allem die Männer hart: Denn von denen wollten selbst in langjährigen Beziehungen noch immer 60-80% mit ihrer Liebsten in die Laken steigen.
Elastik oder Kette?
Probleme mit mangelnder Begierde oder zu viel aufgestauter Lust scheinen also vorprogrammiert. Ist es da nicht tatsächlich besser, miteinander durch ein elastisches Band als durch eine Eisenkette verbunden zu sein? Die neue Monogamie muss ja nicht gleich so extrem ausfallen wie bei dem New Yorker Fotografen Siege. Als er seine jetzige Partnerin sah, wusste er: „Die ist es. Monogamie allerdings geht überhaupt nicht“, berichtete er „New York Magazine“. Und Freundin Katie meint: „Mein Partner ist zugleich mein bester Freund, für den ich immer nur das Beste will. Wenn er also eine andere Frau sexuell anziehend findet, sage ich : nur zu.“ Die Regeln des Paares sind einfach. Potentielle Sexualpartner müssen Siege und Katie gleichermassen sympatisch sein. Mehr als dreimal Sex mit der gleichen Person ist nicht drin und Kondome sind Pflicht. Gut, über Flirts kann man sich durchaus unterhalten, und auch ein Kuss nach einer alkoholschweren, ausgelassenen Nacht mag drin liegen. Aber bringt Sex ausserhalb der Ehe oder Beziehung tatsächlich den erhofften Frischekick so ganz ohne Nebenwirkungen? „Ist bei einem Paar die Lust eingeschlafen, würde ich keinesfalls als erstes ein aussereheliches Abenteuer empfehlen“, meint der Berner Paartherapeut Markus Hasler. Zuerst einmal sollte das Paar alles, was noch an Lust und Phantasien im Kopf herumschwirrt, auslotsen. Und dann erst nach aussen gehen. Allerdings eigne sich eine Affäre nicht für jedes Paar. „Es kommt immer auf das Wertesystem der beiden an und ob sich damit überhaupt eine aussereheliche Liebelei vereinbaren lässt“, stellt Hasler fest. Hände weg also, wenn sich nur einer der Partner für den Gedanken erwärmen kann. „Aber ausserehelicher Sex kann schon Spannung in eine Beziehung bringen, weil es dem Paar Gelegenheit gibt, zu sehen wo man steht“, so Hasler.
Schwerwiegende Kränkung
Wesentlich skeptischer steht die Münchnerin Gisela Hötker-Ponath der neuen Monogamie gegenüber. In 20 Jahren Tätigkeit als Paartherapeutin sah sie viele Beziehungen am Seiten-sprung zerbrechen. „Eine Affäre bringt kurzfristig einen Lustgewinn, aber man muss auch die Vergnügungssteuer dafür zahlen – meist in Form einer schwerwiegenden Kränkung.“ Und die sei nur schwer wieder gut zu machen. Am hilfreichsten sei vielleicht noch der One-night-stand als Einzelfall, über den man nicht spricht. „Danach haben viele wieder mehr Spass am Sex mit dem Partner und bemühen sich erneut, weil sie wissen, dass man sich des anderen nie wirklich sicher sein kann,“ beobachtet die Sozialpädagogin. Hasler und Hötker-Ponath raten, sich klar zu machen, dass Sex in einer Beziehung nie gleich intensiv ist, sondern sich in Wellen bewegt. Und wer es als Paar schafft, sich dieses Terrain immer wieder neu zu erobern, für den wird es erst richtig spannend. Und dann kann auf Hilfe von aussen getrost verzichtet werden.
Ich enthalte mich hier jeder Stellungnahme was mein Pro oder Contra zu der neuen Monogamie angeht. Aber ich frage mich schon seit langem, ob Polyandrie nicht auch was wäre als Equivalent zum Harem.
24. Oktober 2008 um 5:33
Heute dauert die Ehe – statistisch gesehen – 43 Jahre. 43 Jahre denselben Sex mit dem gleichen Partner, denselben Schnaufern, denselben Stellungen. Irgendwann wächst keine neue Lust mehr nach